Cover: Jungle - Jungle

Cleveres Management: ein paar tanzwütige Videos, die schon weit vor Debüt-Veröffentlichung für Präsenz sorgten und weiße Handschuhe im Paket der Promo-CD, genug Material für einige Blog-Hypes und ein wenig Geheimniskrämerei um die eigene Identität. Fehlte nur noch, dass irgendjemand Gerüchte um eine mögliche Verbindung zu Daft Punk in Umlauf gebracht hätte. Das wäre gar nicht so undenkbar gewesen, denn das Debüt des Londoner Duos Jungle säumt sich in leicht elektronischem Soul-Pop mit ordentlichem Funkanstrich.

Allerdings sind die Tracks von J und T (lüften wir ein kleines Geheimnis: gemeint sind Josh und Tom) viel unprätentiöser. Die Tracks sind dabei von einer zeitlosen Eleganz getragen. Tatsächlich wirken Jungle nicht geschichtsvergessen, was die Soul-Referenzen angeht. Andererseits verliert sich das Album nicht einmal in Nostalgie. Es schwankt – nicht unentschieden, sondern gezielt offen – zwischen groovigen Funk-Anleihen und elektronischen Variationen, die aber nie so düster auratisch nach der zeitgenössische Elektro-Soul-Liga (SOHN und Konsorten) klingt.

Dass das multiinstrumental begabte Duo (im Booklet heißt es: „Written, Performed and Produced by Jungle“) im Detail durchaus extrem aufeinander eingespielt ist, spürt man vor allem im Detail. Funk-Gitarren, säumende Bässe, Percussion, leichter 80-er Modus, der aber nicht so zuckrig zur Schau getragen wird wie etwa bei Blood Orange zuletzt. Hier wirken die Arrangements nie überladen. Der Minimalismus-Geist von the xx, die ebenfalls im Studio des Labels XL ihr Debüt einspielten, muss aber zu den Record-Sessions von Jungle definitiv verflogen sein: Dafür sind Nummern wie „Easy Earnin´“ mit ihren Bläser-Einsätzen zu groovy, auch wenn es durchaus dezent gehaltene, nahezu reduktionistische Ansätze gibt.

Zum Beispiel die Schlusslichter des Albums. „Lucky I Got What I Want“ hüllt sich in nebulösen Synthies und „Lemonade Lake“ gibt sich unterkühlt, ist dann aber doch der heimlich melodramatische Klagesong: „I miss you, Everyday and everynight.“ Das singt eine Stimme, deren Besitzer namentlich immer noch nicht bekannt ist. Sie klingt jedenfalls ein weich, unaufdringlich und rudert immer dann kontrolliert aber gefühlvoll zurück, wo andere zu viel wollen und so unhörbar werden. Perlen wie „Time“ zeugen nicht nur davon, wie groovy dieses Gespann ist, sondern auch von einem Witterungstalent für perfekt sublimen Spannungsaufbau. Am besten sind Jungle, wenn sich in den repetitiven Elementen ganz unbemerkt etwas Neues eingeschlichen hat.

Hier verdichten sich Funk und Soul zu einem Geflecht, für das man in manchen Fällen fast schon neue Bezeichnungen suchen kann. Dreamsoul wäre da das leicht tropische „Crumbler“. Diversität gelingt: Synthie-Jams und Western-Pfeifen fusionieren in dem Interlude „Smoking Pixels“. Melting-Pot Musik, wie man so häufig von ihr schwärmt. Jungle dienen somit als Beleg für intelligente Popmusik, die es schafft, markant ohne eintönig zu klingen, überschaubar zu wirken, im Detail aber als virtuos geplant zu erscheinen. (Philipp Kressmann, CT das radio)

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