
Ein stolzer Hirsch steht selten im Hintergrund. "Foil Deer" - "Hirsch im Hintergrund", so der damit kontroverse Album-Titel der US-Band Speedy Ortiz. Frontfrau Sadie Dupius, in ihrem Debüt-Album "Major Arcana" als lyrisches Ich noch eher in der kindlichen Opferrolle, hat sich auf "Foil Deer" zur einer selbstbewussten Frau emanzipiert.
Speedy Ortiz, angelehnt an den jugendlichen Charakter Eulalio (Speedy) Ortiz aus einem Punk-Comic, verkörpert so kaum noch Kindlichkeit in den Lyrics. Vielmehr sieht sich Dupius in ihrer Rolle als "ewige Zweite" gefestigt und will dabei nicht unterschätzt werden: "I was the best at being second place / But now I'm just the silvery dread/ And only in the shape of a bullet / Am I ever the shape you see when you wake up dead."
Aus dem ehemaligen Außenseitermädchen ist jetzt also eine gefestigte Frau geworden? Nicht ganz, denn die Texte von Speedy Ortiz sind auch auf "Foil Deer" nicht weniger provokant. Sachlich ohne zu viel Emotionen preiszugeben, wiegt sich das lyrische-Ich in Selbstsicherheit: "I'm chief, not the overthrown / Captain, not a crony/ So if you wanna row, you better have an awfully big boat/ Boat, boat, boat" heißt es im Track "Raising The Skate", der bereits erahnen lässt, dass es musikalisch bei Speedy Ortiz weiterhin um oftmals als "Skatermusik" verschrienen American Indie-Rock à la Dinosaur Jr und Sonic Youth geht.
So prescht die Platte musikalisch in den Vordergrund, steht damit im Kontrast zum Albumtitel "Foil Deer" und verspricht ein aufbrausendes Klangerlebnis irgendwo im Soundbereich von Grunge und Garagesound, mit leider nur partiellen kompositorischen Ausreißern. So sind die Lyrics stellenweise in ihrer Komplexität stark überlegen. Das ist aber auch wenig verwunderlich, wenn man bedenkt, dass sich Sadie Dupius zuvor dem Schreiben widmete und sogar an der rennomierten UMass Amherst (University Of Massachusetts) lehrte.
Langweilig ist diese Musik nicht. Wer den Indie-Rock-Sound der 90er mit ausgefeilten und gut durchdachten Texten neu aufleben lassen möchte, ist mit "Foil Deer" sicherlich gut beraten. Damit trifft Speedy Ortiz einen Nerv in der aktuellen Musiklandschaft, die sich immer seltener entscheidet einen Weg "Back-to-the-roots" einzuschlagen und aktuellen Geschmäckern allzu sehr nachzueifern versucht. "Foil Deer" kann somit als erhobener Mittelfinger gesehen werden, der für all jene bestimmt ist, die ihre Werte über den Haufen werfen. Ein Bild das sicherlich zum gemalten Charakter auf "Foil Deer" anwendbar ist. Die Geschichte um Sadie Dupius' lyrisches Ich wird zwar weitergeschrieben, jedoch nicht (musikalisch) verfälscht. (Julian Minor | CT das radio)
RÜCKSCHAU
ARCHIV
WOCHE | Künstler/Band | NAME DES ALBUMS/SONGS | MUSIKLABEL |
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KW 30/2018 | Dirty Projectors | Lamp Lit Prose | Domino |
KW 29/2018 | Florence + The Machine | High As Hope | Virgin EMI Records |
KW 28/2018 | Drake | Scorpion | Young Money |
KW 27/2018 | Let’s Eat Grandma | I’m All Ears | Transgressive Records |
KW 26/2018 | Erased Tapes | 1+1=X | Erased Tapes |
KW 25/2018 | Yuno | Moodie | Sub Pop |
KW 24/2018 | Kolars | Kolars | Cloudshill |
KW 23/2018 | Courtney Barnett | Tell Me How You Really Feel | Mom And Pop Music |
KW 22/2018 | Örvar Smárason | Light Is Liquid | Morr Music |
KW 21/2018 | Palace Winter | Nowadays | Tambourhinoceros |